Alles (mikro)plastik-fantastik? Wie wir unsere Meere verseuchen und Mikroplastik im Körper haben

By |2018-10-24T16:05:03+00:0024. Oktober 2018|Allgemein|0 Comments

Update 23.10.2018: Erstmals wurde Mikroplastik im menschlichen Körper festgestellt. Während einer Studie durchgeführt von der Medizinischen Universität Wien und dem Umweltbundesamt wurden bei 8 Probanden winzige Plastikbestandteile bzw. Mikroplastik im Stuhlgang nachgewiesen. Dabei sollten die Probanden über einen Zeitraum von einer Woche in Plastik abgepackte Lebensmittel, Fisch und Meeresfrüchte verzehren und Getränke aus PET-Flaschen trinken.

Die Frage die wir uns alle stellen sollten: Macht Mikroplastik krank und sollten wir uns sorgen machen? Experten zufolge ist es zu früh konkrete Aussagen darüber zu treffen, inwieweit Mikroplastik einen Einfluss auf unsere Gesundheit hat. Es sei noch ein unerforschtes Gebiet. Jedoch wissen wir bereits, dass chemische Bestandteile im Kunststoff wie Weichmacher oder BPA hormonähnliche Effekte haben.

Plastikstrudel in unseren Ozeanen und die Auswirkungen von Mikroplastik auf die Tierwelt und uns Menschen sind aktuell in aller Munde und werden heiß diskutiert. Dieser Artikel soll helfen zu verstehen, welche verheerenden Folgen unser (indirekte) Plastikkonsum auf Mensch und Tierwelt hat und erklärt, was Mikroplastik genau ist und wie dieser entsteht. Zudem wollen wir euch die spannendsten Plastikprojekte zur Säuberung der Meere vorstellen und hilfreiche Tipps auf den Weg geben, wie ihr etwas plastikfreier Leben könnt.

Plastik überall

Zahnpasta, Kaugummi und Fleecejacke: Wir alle benutzen diese Gegenstände täglich und zum Glück machen sich immer mehr Menschen Gedanken dazu, welche Stoffe sie damit in die Umwelt bringen. Ja, in den oben genannten Konsumgütern – nicht nur in der Verpackung außenherum – steckt Kunststoff, der aus Erdöl hergestellt wurde! Plastik steckt in fast jedem Gegenstand, den wir benutzen und leider mittlerweile auch in fast jedem Nahrungsmittel, das wir zu uns nehmen. Denn aus großen Plastikteilen werden kleine Plastikteile und dann irgendwann sogenanntes Mikroplastik, das in den Nahrungskreislauf übergeht. Über die Wirkung auf unsere Gesundheit und die der Tiere wissen wir noch wenig Genaues, aber auch wenig Gutes.
Kunststoffe sind genau wie ihr Name sagt: künstlich, nicht natürlichen Ursprungs. Der Mensch hat sie aus einer endlichen und nicht im kurzfristigen Kreislauf der Umwelt befindlichen Ressource hergestellt. Wir Menschen allein tragen also die Schuld an dieser Problematik des Plastiks im Meer.

Plastik schadet der Umwelt

Plastikmüll Bedrohung für Tierwelt

Das Leiden der Tiere: Links – eine Schildkröte mit Strohhalm in der Nase (Videoquelle). rechts – der Magen eines verendeten Wales (DPA / Christoph Noever / Universität Bergen)

Wir alle kennnen die erschreckenden Bilder aus den sozialen Medien: Eine Meeresschildkröte, der schwerzvoll ein Strohalm aus der Nase gezogen wird oder ein Wal, der qualvoll an dem ganzen Plastiküll in seinem Magen starb. Täglich sterben Tiere daran, dass sie Plastikmüll fressen, weil sie es mit Nahrung verwechseln. Darunter sind Regenwürmer, Vögel, aber vor allem Meerestiere, denn die größte Plastikmüllhalde ist das Meer. Mehr als 8 Millionen Tonnen Plastikabfälle gelangen über Flüsse und den Wind ins Meer – pro Jahr! Dort schwimmen sie dann und brauchen theoretisch etwa 500 Jahre, um zu verrotten. Bis dahin erodieren sie, das heißt, sie zerfallen in immer kleinere Teile, werden dann von Muscheln, Fischen und Walen gefressen. Meeresschildkröten verwechseln beispielsweise im Meer schwimmende Plastiktüten mit Quallen, fressen sie und verenden daran. Oft verfangen sich Meerestiere in den Abfällen und sterben qualvoll. Die enthaltenen Weichmacher und Chemikalien lösen sich zudem durch das Salzwasser aus dem Plastik und schaden allen Organismen im Ozean. Mittlerweile zeigt sich, dass auch Binnengewässer, beispielsweise in Deutschland, mit Mikroplastikteilen belastet sind.

Plastik im Körper: eine unterschätzte Gefahr

Die Kunststoffe gelangen aber nicht nur bei Tieren, sondern auch bei uns Menschen über Haut, Atmung, Mundschleimhaut oder Nahrung in den Körper. Dort sammeln sie sich an und treiben ihr Unwesen: Es werden Fruchtbarkeitsstörungen, die Neigung zu Früh- oder Fehlgeburten, Allergien und Unverträglichkeiten und viele weitere Krankheiten mit der Plastik-Verseuchung des Körpers in Zusammenhang gebracht. Immer mehr Menschen versuchen daher, sich der Plastikflut zu entziehen. Damit wollen sie nicht nur das Plastik im Meer reduzieren helfen, sondern auch ihre eigene Gesundheit erhalten.

Kunststoffe sollen im Körper ähnlich wie Hormone wirken und das gesamte Hormonsystem somit durcheinanderbringen. Eine früher einsetzende körperliche Reife, unbeweglichere Spermien oder die Entstehung von Krebs werden mehr und mehr der Aufnahme von Kunststoffen in unsere Körper angelastet. Denn jeder Kunststoff muss durch Weichmacher, Flammschutzmittel, bleihaltige Farben oder andere chemische Beigaben für seinen Verwendungszweck optimiert werden. Diese Bestandteile können sich durch UV-Strahlung in die Umgebung oder durch Kontakt mit den in der Verpackung aufbewahrten Nahrungsmitteln lösen und so auf den Menschen übergehen. Gerade Babys und Kleinkinder mit ihrer dünneren Haut, ihrer Neigung alles in den Mund zu nehmen, sind besonders gefährdet für eventuelle Schädigungen durch Plastik.

Was ist Mikroplastik und wie entsteht es?

Mit diesem Begriff bezeichnet man Plastikteilchen, die eine Größe von weniger als fünf Millimetern im Durchmesser haben. Sie entstehen durch Erosion aus größerem Plastikabfall, aus Abrieb von Autoreifen oder Schuhen und durch das Auswaschen von Kunstfasern aus Kleidung. Außerdem werden Mikroplastikteilchen in Zahncremes, Peelings oder anderen konventionellen Kosmetika als Schleifmittel eingesetzt. Ein konventionelles Peeling kann beispielsweise aus über 90 % Mikroplastikteilchen bestehen. Naturkosmetik verbietet den Einsatz erdölbasierter Rohstoffe und enthält somit keine Mikroplastik.

Was tut die Politik gegen die Plastikmüllkatastrophe?

Wirklich traurig ist die Tatsache, dass man in Ruanda einen ganz großen Schritt weiter ist, was die Entwicklung hin zu einer gesetzlich geregelten Vermeidung von unnötigem Plastikabfall ist. Wer in Ruanda mit einer Plastiktüte erwischt wird, die nicht aus biologisch abbaubarem Material hergestellt ist, riskiert ein Strafgeld. Geschäfte können bei häufigeren Verstößen geschlossen werden. Grund für das Verbot ist, dass man in diesem Land massiv Probleme mit dem Abwasserkanalsystem hatte, weil die Plastiktütenflut die Rohre verstopfte. Bisher ist das Einkaufen trotz des Plastiktüten-Verbots in Ruanda noch kein gesamtgesellschaftliches Problem geworden. Dies zeigt deutlich, dass die Politik hier mehr tun könnte und der Verbraucher anpassungsfähig genug ist, seinen Alltag auch ohne Plastiktüten zu meistern.

Ein freiwilliger Verzicht des Handels auf Plastiktüten ist nicht weitreichend genug, denn viele Nahrungsmittel werden gleich in mehrere Lagen Wegwerfplastik verpackt und der Verbraucher hat oft nicht die Wahl, sich für einen anderen Artikel mit weniger Verpackung zu entscheiden. Oft sind Bioläden oder Unverpacktläden die einzigen Anbieter von Alternativen zum Verpackungswahnsinn. Die Preise für die Bioprodukte sind aber nicht für jeden Verbraucher ohne Weiteres bezahlbar. Es fehlen also massentaugliche Waren im Handel, die es auch den weniger betuchten Kunden einfacher machen, sich für unverpackte oder alternativ verpackte Ware zu entscheiden.

Auf europäischer Ebene sind jedoch die ersten Ansätze zu erkennen. Im Frühjahr 2018 wurde seitens der EU vermeldet, dass Strohhalme und Einwegbesteck verboten werden sollen, um die Menge an Plastikabfällen zu reduzieren.

Plastik im Meer: Müllströmungen

Auf der Erde kreist das Meerwasser in großen Meeresströmungen und transportiert etwa 30 % des eingetragenen Mülls nahe der Wasseroberfläche mit sich. Die restlichen 70 % des Mülls versinken laut Bundesumweltamt auf den Meeresboden und sind dort kaum noch zugänglich. Der Nordpazifikwirbel transportiert so die größte Müllmenge zwischen Nordamerika und Asien. Man nennt ihn mittlerweile den „Great Pacific Garbage Patch“: Bis zu einer Million Kunststoffteilchen treiben hier pro Quadratkilometer. Die Fläche dieses Müllflecks wird auf einer riesigen Fläche, die von einigen Wissenschaftlern mit der Fläche Mitteleuropas verglichen wird. Weitere vier Müllstrudel treiben ebenfalls große Müllansammlungen mit sich.

Plastikstrudel-Garbage-Patct

Garbage Patches – eine Simulation der NASA über den Plastikmüll im Meer (Videoquelle: NASA)

Plastikprojekte zur Säuberung der Meere – eine Übersicht

WWF

WWF Stopp die Plastikflut - Delfin mit Plastikmüll

WWF – Stopp die Plastikflut Kampagne (Quelle: WWF)

Der WWF unterstützt diverse Plastikmüllprojekte überall auf der Welt (Übersicht aller WWF-Plastikprojekte). Beispielsweise werden in Vietnam Abfälle oft illegal und unorganisiert entsorgt und durch Überschwemmungen in Kanäle und das Meer getrieben. Hier unterstützt der WWF auf politischer Ebene die Einrichtung besserer Abfallentsorgungs- und Kreislaufsysteme, damit der offen in der Landschaft deponierte Müll nicht weiter ins Meer und die Flüsse eingetragen wird. Außerdem arbeitet der WWF daran, dass auch die Unternehmen, die Verpackungsplastik in den Umlauf bringen, sich an den Entsorgungskosten beteiligen und Verantwortung übernehmen müssen. Ein sich verschärfendes Müllproblem ergibt sich in Vietnam auch durch die steigende Anzahl an Touristen. Die Entsorgung der wachsenden Müllmengen überfordert die dortigen Systeme massiv.

The Ocean Clean Up

Das Projekt „The Ocean Clean Up“ des Niederländers Boyan Slat ist jetzt für viele Wissenschaftler und Umweltschützer ein Hoffnungsschimmer. Das Team will mithilfe schwimmender passiv arbeitender Systeme den Müll aus dem Meer fischen. Innerhalb von fünf Jahren soll so die Hälfte des Mülls im Great Pacific Garbage Patch entfernt werden. Triebkraft für die Müllsammlung ist die Meeresströmung selbst. Die Plattformen sind mit einem schwimmenden, halbmondförmigen Schlauch und daran hängender Plane ausgestattet. So können sich keine Tiere darin verfangen, wie in einem Netz oder Gitter. Die Plattformen sammeln so selbstständig und ohne Energieeinsatz den Müll, der dann nur noch eingesammelt werden muss.
Das löst jedoch nicht das Grundproblem: Wir müssen aufhören, Plastikmüll zu produzieren!

Ocean-Clean-Up Plastikmüllprojekt

Prinzip vom Ocean Clean Up – Plastikmüllprojekt (Quelle: Ocean Clean Up)

Coastal Watch

Das Projekt Coastal Watch in Hongkong begann als Zusammenschluss von Umweltaktivisten, Organisationen und Privatpersonen nach der Havarie eines mit Plastikpellets beladenen Schiffes. In Hongkong landen außer den Plastikabfällen aus der Umgebung über Meeresströmungen auch Abfälle aus anderen Teilen der Welt, sodass sich eine dauerhafte Initiative aus dem Projekt entwickelt hat. Die Mitglieder reinigen die Strände und betreiben Monitoring, um den Mülleintrag zu überwachen. Großen Wert legt Coastal Watch auch auf die Informationsarbeit, um die Plastikflut langfristig einzudämmen.
Bisher hat man unterschiedliche Versuche unternommen, die großen Müllstrudel im Ozean einzudämmen oder zu säubern. Weniger als ein Prozent des Mülls können aber pro Jahr unter großem logistischem und finanziellem Aufwand mit Schiffen aus dem Meer gefischt werden.

Jeder kann etwas tun: Plastikvermeidung im Alltag

Der größte Plastikmüllberg entsteht durch Einwegverpackungen. Gerade in Deutschland steigt jährlich der Verbrauch von Plastikverpackungen. Dabei lassen sich sehr viele Verpackungen einfach vermeiden oder durch andere, umweltfreundlichere und gesündere Varianten ersetzen.

  1. Plastiktüten beim Einkauf meiden:
    Plastiktüten zum Beispiel haben eine sehr geringe Verwendungsdauer. Gerade mal ungefähr eine Viertelstunde wird eine Einkaufstüte im Schnitt in Deutschland benutzt, bevor sie in den Müll wandert. Schränkt also diese Art von Wegwerfplastik im Alltag radikal ein: Hemdchenbeutel für die kurzzeitige Aufbewahrung von kleinteiligem Obst können durch leichte Baumwollbeutel ersetzt werden. Plastiktragetaschen braucht niemand, wenn er ein wenig organisiert ist und eine Tragetasche aus Stoff mitnimmt. Nahrungsmittel kann man meistens auch unverpackt kaufen, statt in Plastik eingesperrt. Das hat auch den Vorteil, dass man die Menge selbst bestimmen kann und hinterher weniger wegwirft.
  2. Auf den Fußabdruck des Produkts achten:
    Wenn ihr die Plastikverpackungen vermeiden wollt und stattdessen Glas bevorzugt, sollten die Nahrungsmittel möglichst keine langen Transportwege haben, da sie sonst ebenso klimaschädlich sind, wie die leichteren Plastikverpackungen: Der Transport auf Straßen oder Flüssen stößt CO2 aus und verbrennt Erdöl.
  3. Abgepacktes Wasser in PET – nonsense!
    Absolut überflüssig sind jedoch Plastikflaschen für Mineralwasser. Überall gibt es regionales Mineralwasser auch in der Glasflasche zu kaufen. Oder ihr verwendet stattdessen Leitungswasser und eventuell einen Sprudler, wenn ihr kohlensäurehaltiges Wasser bevorzugt. Hier ein Rechenbeispiel, ab wann sich ein Wassersprudler lohnt.
    Glaspfandsysteme sind ebenfalls gute Alternativen, z. B. für Joghurt oder Milch. Sie legen kürzere Wege zurück, weil sie einem sogenannten Pool-System angehören. Alle Anbieter von Glaspfand-Behältern nutzen das Standardmodell, verschicken an die Supermärkte und die gebrauchten Behälter werden zum nächstgelegenen Anbieter wieder zurücktransportiert. Wenn ihr einen regionalen Versorger habt und beispielsweise direkt am Bauernhofladen einkaufen könnt, schont ihr massiv die Umwelt.
  4. Alternative zu Einweggeschirr und Einwegbesteck finden
    Ein weiterer Klimakiller und Umweltsünder ist das Einweggeschirr oder auch Einwegbesteck. Coffee-to-go-Becher landen nach wenigen Minuten Nutzungsdauer im Müll oder in der Landschaft. Mittlerweile gibt es aber auch eine ganz hübsche Auswahl an nahezu unzerbrechlichen Bechern mit relativ auslaufsicheren Silikondeckeln in schönen Designs, die man dem Kunden gerne beim Bäcker oder im Café befüllt, statt der to-go-Variante. Ein Thermobecher mit Deckel tut auch seine Dienste und man verbrennt sich auch nicht die Finger daran. Ein wunderbares Geschenk zum Selberwünschen oder für einen lieben Menschen also!

Wer auf konventionelle und plastikhaltige Kosmetik verzichtet, belastet die Umwelt ebenfalls weniger. Kauft ihr insgesamt weniger Dinge und Verbrauchsartikel, die ihr gar nicht braucht, könnt ihr einen wertvollen Beitrag zur Vermeidung von Plastikmüll leisten. Jedes Teil Plastik, das gar nicht produziert wird, entlastet die Umwelt. Mit allen euren Kaufentscheidungen könnt ihr die Hersteller lenken, denn immer mehr Verbraucher wollen nicht mehr mitmachen und lieber die Umwelt schonen.

Wir sind auf eure Kommentare gespannt? Kennt ihr weitere spannende Projekte, die den Plastikmüll bekämpfen? Und versucht ihr im Alltag Plastikmüll zu vermeiden oder lebt ihr sogar ohne Müll im Sinne von „Zero-Waste“. Teilt mit uns eure Erfahrungen.

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